Action Required – oder: Die kaputte Elite (Benedikt Herles)
Ich bin unterwegs – wieder mal. Aber nicht auf dem Weg zum Kunden sondern auf dem Weg zu einem entspannten Wochenende. Mich ab und den Laptop ausschalten. Die psychisch wichtige Belohnung für die Belastung der letzten Wochen erhalten.

Das Gehirn ist ja letztlich auch nur so eine Art Muskel. Und so wie beim Sport sollte ein Muskel nicht ständig in derselben Weise belastet werden. Immerhin ist der Kopf Rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können. Meine Richtung heißt „Harz“ und der Versuch der Schweigsamkeit.

Nur noch Wasser holen, einen Coffee-to-go für den ersten Teil der Fahrtstrecke und als Muntermacher (es ist immerhin erst 04.30 früh) und dann los.

Ein Meckie wie er im Buche steht
Mit diesem Gedanken betrete ich die multinationale Gastronomiestation billigster Qualität mit höchster Vorhersagbarkeit darüber, was ich bekommen werde – ein Fast-food-Schnellrestaurant an der Autobahn. Da sehe ich ihn auf einmal sitzen, ganz unerwartet, das scheue Wesen früher Morgenstunden – ein „Meckie“!

Exkurs: Was ist ein Meckie? Ein durch überholte Karrierewünsche völlig wertneutralisierter, mit fein gemustertem Edelzwirn drapierter Hochschulabsolvent (meist der Wirtschaftswissenschaften). Laptop, Audi, Handy – und immer online. Kurzer Bürstenhaarschnitt der lange hält, da an Sonntagen kaum ein Friseur auf hat. „Meckie“ steht dabei für die Zugehörigkeit zur Firma Mc Kinsey. Dabei ist es völlig belanglos, zu welchem der BIG 5 der Branche er gehört. Der „Meckie” lebt im Unterholz der Rushhour. Er ernährt sich von Zahlenkollonen und Monatsabschlüssen. Seine Verbreitung – weltweit. Sein Lebensraum – meist ein hochmotoriger Oberklassewagen. Natürlich Feinde: Freizeit, Life-Balance und Funklöcher.

Die kaputte Elite
Da fällt mir das Buch ein, was ich gerade lese und im Auto habe: Die kaputte Elite von Benedikt Herles. Und noch eh ich mich selbst stoppen kann, finde ich mich mit dem Buch in der Hand am Tisch des wundersamen Wesens wider mit der Frage, ob hier noch ein Platz frei ist? (Zur Erinnerung: es ist 04:30 in der früh und wir sind die einzigen Menschen in der Reststätte.) Ich setze mich laut ausatmend hin und beginne zu lesen.

Der Autor beschriebt sich selbst mit den Worten: „Mit 28 Jahren bin ich promovierter Kapitalist, habe Business School und Firmenzentralen von innen gesehen. Ich schätze gute Anzüge und halte individuellen Ehrgeiz für die wichtigste Triebkraft des Fortschritts.“ Selbstkritisch und ironisch beschreibt der Autor im Rahmen einer Autobiografie diese Welt der auf Profitmaximierung und Wachstum ausgerichteten Märkte. Es wird schnell deutlich, dass Herr Herles vieles davon tatsächlich erlebt und an den meisten Dingen davon zweifelt. Getreu dem Motto: „Head down and deliver“ stellt er die Branche auf den Prüfstand. Mit witzigen Vergleichen (Dieses System bringt Manager hervor, die sowenig Unternehmer sind wie Dieter Bohlen ein Diplomat S.18) und klaren Schlussfolgerungen gelingt es dem Autor schnell, die Branche zu entlarven. Statt Mut und Tatendrang, statt Innovation und Ideenreichtum dominiert die Angst davor, Fehler zu machen. Damit bleibt vor allem eins auf der Strecke – das Leben.

Eine besondere Spezies – eine besondere Sprache
Besonders einprägsam und erschreckend sind dabei die Abstecher in die Sprache der Spezies: „action required“ als Betreffzeile für anstehende Handlungen, „Hunting ground“ als Bezeichnung für die Uni auf der sie „gebrieft“wurden. Der Bildungs- und Entwicklungsort als „Durchlauferhitzer“, um Studenten schnell und effizient gar zu kochen. Wie formulierte es Klemperer einmal treffend: „An Ihrer Sprache wirst Du sie erkennen“.

Ich denke an meine eigene Biografie. An den Geschmack des Kaffees auf den Chefetagen, auf denen ich selbst nach Glück gesucht habe. Ich denke daran. wie lange ich Teil dieser Maschinerie war, bevor ich die Kraft und den Mut hatte, anders zu sein.

Suche nach Glück durch Karriere
Auch Benedikt Herles zeigt sich in dem Buch ambivalent. Er verdeutlicht, dass jeder schnell und fast wie zufällig Teil dieses Prinzips „Suche nach Glück durch Karriere“ werden kann. Wie schnell es geht und wie anfänglich richtig der Weg erscheint. Und auch – dass es diese „false friends“ in jeder Branche gibt. Und erst wenn der Mut da ist, den eigenen Wert nicht mehr an den Maßstäben der anderen zu messen, dann ist da auch die Freiheit für den eigenen Weg.

Der Meckie vor mir versucht verzweifelt ein schnelleres Netz zu finden, um seine nun wohl noch vor dem ersten Meeting fertiggestellten Folien hochzuladen. Und da gelingt es mir doch tatsächlich einen Blick von ihm zu erhaschen. Er sieht mein Buch und – lacht. Ich bin verwundert und positiv überrascht. Als er mir mit den Worten: „Na, sind Sie der Geist meiner nächsten Weihnacht?!“ einen Kaffee ausgeben will, nehme ich die Einladung prompt an. Ich möchte doch nicht dass er glaubt, es sich mit sich selbst verscherzt zu haben.